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Interview mit Moritz von Uslar

«Die AfD langweilt mich so brutal» 

Wir trafen Moritz von Uslar zum MDC Interview - Berlin 04.05.20
 

Bei Parfums hast Du, lieber Moritz, natürlich einen speziellen Geschmack. Du kaufst von Santa Maria Novella gern ein bestimmtes Parfum, das nach Campher duftet. Ist das Dein einziges Parfum?

Nein. Ich habe noch eins. Auch von Santa Maria Novella. Aber wie es heißt, habe ich gerade vergessen. Ich schau mal hier auf die Flasche. Auf der Rückseite steht — versteckt: Nostalgia!

Wie bist Du in Kontakt mit diesem Parfum gekommen? Kennst Du das schon immer?

An irgendeinem Flughafen am Mittelmeer. Würde ich sagen. 

Vor wie vielen Jahren — wann etwa?

Getippt: 1999. Auf jeden Fall noch in den Neunzigerjahren. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, mir nach den Neunzigerjahren noch ein neues Parfum ausgesucht zu haben. Ich finde hier natürlich die Flaschen wahnsinnig angenehm: aus diesem dicken, etwas milchigen Glas, die gut in der Hand liegen. Der gute Golddeckel mit dem Fantasiewappen aus dem 17. Jahrhundert. Das Fantasiewappen findet sich auch auf der Rückseite des Flakons, dort in das Glas so eingelassen, dass meine Fingerspitzen es spüren können. Es ist ein gut in der Hand liegender Gegenstand. Und es riecht — sehr gut — nach alten, alten, nach uralten Männern.

Damit sind schon zwei für mich sehr wichtige Themen von Dir angerissen. Bei der Lektüre von Nochmal Deutschboden habe ich das Buch nach ungefähr 80 Seiten sinken lassen, als in der Kleinstadt Zehdenick in der Nähe von Berlin, in Brandenburg, eine Parfümerie beschrieben wird, von der es in Deinem Text heißt, dass es sich dabei «vielleicht um die aller-, allerletzte inhabergeführte Parfümerie in Deutschland handelte».

Das ist natürlich eine bewusste Falschaussage, man könnte auch sagen: Zuspitzung. Von denen gibt es einige im Buch.

Warum machst Du diese Falschaussagen? 

Weil ich Freude habe an Zuspitzungen. Und weil ich finde, Falschaussagen, bei denen jeder überprüfen kann, dass sie falsch sind, also bei mir nur die Funktion einer Pointe haben, sind keine Falschaussagen. Sondern grandios amüsante Stellen, die ich brauche für meinen Text. Die ich mag. 

Ich habe mich darüber auch total amüsiert. Und jetzt komme ich zu dem zweiten Punkt, der mir gerade so gut gefallen hat bei dem, was Du über den Duft deines Parfums gesagt hast: die alten Männer. In Deinem Buch geht es ja vor allem um Veränderung. 

Wie schön, dass du das sagst. 

Es ist das eigentliche Thema Deines Buches für mich. Man wird auf den ersten hundert Seiten ein bisschen damit gefoltert, dass Du behauptest, Du würdest jetzt den Rechtsruck in Deutschland erforschen. Aber eigentlich erzählt das Buch doch mit melancholischer Stimme vom «Riesenthema Älterwerden».

Es gibt eine Metaebene, die manchmal anstrengend wirken kann. Weil ich unentwegt meine Haltung überprüfe. Ich stelle auch fest, dass seit dem ersten Buch, Deutschboden, sehr viel Zeit vergangen ist. Buch Eins klingt aus vielen Gründen wie aus einer anderen Zeit. Damit meine ich weniger das Inhaltliche als meine Haltung. Die Sprache! Man kann aber auch nicht so tun, als könnte man seine Haltung jetzt großartig ändern, als könnte man sich als Schreiber, als Schriftsteller auswechseln für den Job — lächerlich. 

Aber was hat Dich denn dazu gebracht, nach zehn Jahren noch einmal dort hinzufahren? Die wenigen Zerstreuungsmöglichkeiten, die man in Deutschboden kennengelernt hatte, die gab es ja alle nicht mehr. 

Ich hatte zutiefst richtig Lust, nochmal dort hinzufahren. Massiv! Ich hatte Lust auf die Stimmung: runterfahren, rumhängen, an Straßenecken rumstehen. Natürlich war mir klar, dass ich es nicht so machen kann, wie es heißt: «Nochmal Deutschboden». Der Titel ist auch ein kokettes Spiel mit dem Schiefgegangenen. Kein Mensch braucht nochmal Deutschboden! Und man braucht — das sagen glaube ich alle, die einen zweiten Teil schreiben — den ersten Teil nicht, um den zweiten zu lesen. 

Du hast von Deutschboden mehr als fünfzigtausend Exemplare verkauft in einer Zeit, zu der die meisten froh gewesen wären, sie hätten zehntausend verkaufen können. Aber mit dieser Erwartung darf man an das neue Buch nicht herangehen. Es verhält sich damit in etwa so, als ob man gleich nach dem ersten Teil des Paten auf den dritten umschalten würde.  

Darauf würde ich natürlich niemals kommen. Wie es sich für ein gutes Buch gehört, hat es sich völlig von mir gelöst. Was ich dazu zu sagen habe, ist zweitrangig und ein bisschen dumm. Alles, was Du dazu sagen kannst, ist phänomenal. Ich habe gehört, dass es ein Pageturner ist. Das ist natürlich schön! Ich finde ja eigentlich das erste viel lustiger, viel mutiger auch, draufgängerischer, da sind aber Leute auch steckengeblieben in dem tierischen Gelalle von mir. Im Gelaber. Das fand ich dann aber das Lustige. Findest Du nicht, dass das zweite mehr Zug hat? Allein der Einstieg: Das ist doch herrlich dummes Kino, oder nicht?

Das ist Deine Stärke! Auf die warten Deine Fans. Ich kürze das jetzt mal ab, weil Du sollst ja gar nicht so viel über Dein eigenes Werk sagen müssen: Ein ganz wichtiges Element im ersten Buch ist ja Deine quasi kunsthistorische Erörterung einer spezifischen Art des Fassadenputzes in Brandenburg …

Kratzputz.

Die ganze Zeit wird da erklärt, dass die Häuser so komisch aussehen, warum sehen die so komisch aus und so weiter. Im zweiten Buch gibt es jetzt früh diese wunderbare Szene, da kommt der Reporter in seinem Hotel an, es ist nicht mehr das von vor zehn Jahren, dort will man ihn nicht mehr beherbergen und außerdem gehört es jetzt ganz anderen Leuten. In seinem neuen Zimmer dann bekommt er beinahe eine Depression, weil er vom Fenster aus direkt auf diese Wand mit Kratzputz starren soll. Es kommt zu einem Moment der Wahrheit. Der Realität kann man nicht mehr mit einer Haltung begegnen. Im Angesicht der Kratzputzwand kann man keinen schicken Satz mehr machen aus der Not, wie Du es einst an anderer Stelle geschrieben hast. Der poetische Freiraum einer Kleinstadt im Osten, unweit von Berlin ist dichtgemacht. Die Arbeitslosigkeit sinkt und so weiter. Es ist eine Art von Endstation. 

Das sagen viele: Nach hinten raus wird es unglaublich dark. Aber ich finde, dass eines auch zu wenig gesagt worden ist: Ich finde das Buch trotzdem auch kacklustig! 

Man schreit teilweise auf vor Lachen!

Ich finde es so unfassbar lustig! Ich mag zum Beispiel die Stelle wahnsinnig gerne, wo der Typ im Döner Kebap einen Zettel mitbringt und zum Koch sagt: «Lies mal vor!» Da lesen das die armen kurdischen Jungs im Döner-Imbiss, die versuchen das zu lesen, ich lese das, und dann sage ich zu dem Alterchen <Hat das Deine Frau geschrieben? Wer hat denn das geschrieben?> Und dann sagt der «Icke!» Das sind halt … Entschuldigung, aber da könnte man sagen: absurdes Theater!

Mich hat beinahe noch mehr angesprochen der Verschwörungstheoretiker. Also so ein Mensch, der für mich das 21. Jahrhundert verkörpert. Er kommt rein, und weil er über zwei Meter groß ist, denkt man natürlich, jetzt gibt es eine Schlägerei. Auch von seiner Kleidung her, dieser bedruckten Lederjacke, denkt man das. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es handelt sich um einen manischen Leser! Er weiß die gesamte Geistesgeschichte auswendig und hat seine Rückschlüsse gezogen. 

Ist das nicht geil?

Es ist einfach fantastisch. 

In solchen Momenten wird die kleine miese Welt wieder ein Stück größer. Und das finde ich dann übrigens auch erhebend. Das macht mir wahnsinnige Freude. Gleichzeitig habe ich nämlich nicht so große Lust auf die sogenannten schrägen Charaktere. Auch als Leser denke ich mir <Bitte, bitte nicht!>, wenn sich mir ein schräger Charakter ankündigt. Zum Teil finde ich es nämlich auch gut, wenn die Leute so sind, wie man sie sich vorstellt. Ich bin ja auch ein Anhänger von Klischees. Klischees müssen auserzählt werden. Klischees sind immer gar nicht so dumm, wie die Leute denken. Als solche beschäftigen sie mich und deshalb dürfen sie auch vorkommen in meinem Buch.  

Die AfD zum Beispiel kommt im Buch merkwürdig blass rüber. Die stelle ich mir ja vom Klischee her wahnsinnig zupackend und verflucht überzeugend vor. Das Treffen mit gleich vier Politkern des Ortsverbandes verläuft bei Dir komplett anders.  

Diese Passage ist schon stark gestaltet. Es könnte sein, dass diese AfD-Typen bei der Begegnung so gewesen waren, wie Du das sagst: zupackend. Dann habe ich sie aber einfach verändert, weil ich das nicht gut finde. Zum Ende hin treffe ich ja auch den brandenburgischen Vorsitzenden Kalbitz, und der hat dann so smart und engagiert auf mich eingelabert, dass ich gedacht habe, dass er trotzdem nicht vorkommen wird. Weil ich seine Bösheit und Scheußlichkeit nicht derart groß in meinem Buch haben wollte. Am Ende habe ich das Recht, in meinem Buch alles so zu gestalten, wie ich es für richtig halte. Und die AfD musste vorkommen, aber gleichzeitig langweilt sie mich so brutal.

Die langweilt Dich! 

Ja, brutal. Deswegen habe ich sie auch schön stumpf als saublöde AfD bezeichnet.

Vor allem halt auch «die unbegabte».

Hajahaha!

Das ist glaube ich das unqualifizierteste Argument. Wenn man innerhalb von sieben Jahren so viel erreicht, kann man nicht unbegabt sein. 

Du hast recht. Aber ich finde es einfach richtig, sie unbegabt und geistlos zu nennen. 

Um einmal aus dem Buch herauszuschauen: Ist es nicht erstaunlich, wie derart verstummt diese Partei jetzt ausgerechnet in dem Moment ist, wo eine nationale Solidarität gefragt war und auch kam. Kaum kommt eine Seuche und alle handeln solidarisch für das Land, verstummt die AfD, die davor den mangelnden Patriotismus und die Heimatvergessenheit der neoliberalen Multikulti-Gesellschaft angeprangert hat. Man nimmt sie gar nicht mehr wahr. Oder nimmst Du sie noch wahr?

Nein, ich nehme sie nicht wahr. So wie ich übrigens auch die Grünen nicht mehr wahrnehme. Die einzige Oppositionspartei, die ich wahrnehme und da aber auch gleich wieder auf ihre überhaupt nicht angenehme Art, ist die FDP. Aber bei der AfD glaube ich — leider —, dass es klug von denen ist, dass man sie nicht wahr nimmt. Es gibt im Moment für sie nichts zu holen. Gar nichts. Fünfzig Prozent der Energie, die der AfD zur Verfügung steht, bezieht sie aus der Ablehnung der Kanzlerin. Und die Kanzlerin ist so beliebt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Niemand braucht im Moment die AfD, aber ich habe die Angst, dass sie ganz dick zurückkommen wird.

Höchstwahrscheinlich. Aber zurück in die Buchzeit: Als es sich mit der Bäckerin von Zehdenick so gut anlässt, habe ich freilich gehofft, es käme eventuell zu einer Liebesgeschichte für Dich.

Eine Lovestory! 

Ja, eine Liebe in Brandenburg! Der Bäckersfrau warst Du wohl zu wenig bodenständig. Dann kommt aber noch diese zweite Frau, die «Pretty Baby» heißt … mit der Tätowierung im Dekolleté. 

Auf ihrer Brust steht «Kämpferherz». 

Erotisch war das schon eine Durststrecke für Dich, diese Landpartie. Ist das vielleicht sogar der Grund, warum Du so eine Lust bekommen hattest, Dich dorthin zurückzuziehen?

Nein, soweit würde ich nicht gehen. Aber Du hast schon recht: Ich suche keine amourösen Abenteuer dort. Ich muss auch ehrlich sagen, aus meinem Respekt vor dem Ort. Da hätte ich Angst. Es ist doch ein sehr engmaschiges Netz dort, das soziale. Wenn man sich da die Falsche aussucht, kann das schon zu starken Verwerfungen führen. Und ich biete eh schon so viel Angriffsfläche — ganz einfach als Nervensäge; als jemand, der die ganze Zeit fragt und überall rumsteht — mich finden dort sowieso schon so viele scheiße, wenn ich dann noch anfinge, mich zu verlieben und Beziehungen zu beginnen — am Ende noch mit Frauen, die Verpflichtungen haben, von denen sie mir nichts sagen — es laufen dort so schon viele Beziehungen, da fehlt mir der Überblick.

Und deshalb kommen so wenige Frauen vor.

Ich kann da mittlerweile präzise antworten, obwohl ich am Anfang selbst nicht wusste, warum. Beziehungsweise kann ich hier weltexklusiv verraten, dass es ein Kapitel gab, das ich aber letztendlich wieder herausgenommen habe. Das Kapitel heißt «Frauenrunde». 

Ach!

In diesem Kapitel sitzen acht Frauen aus Zehdenick an einem Tisch, weil ich am Ende ja selbst dachte <Boah, habe ich wenig Frauen>. Das ist natürlich furchtbar geworden. Als ich es geschrieben hatte, klang es einfach bloß gezwungen und künstlich. Und da fand ich mich dann zum ersten Mal in meinem Leben frauenfeindlich. 
 

Die Lieblinge von Moritz: Marescialla und Nostalgia 

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